Was ist ein Reim?
Die Kunst des Gleichklangs – von der nüchternen Definition über die Reimarten bis zu den Schemata, nach denen Dichter seit Jahrhunderten ihre Zeilen sortieren.
Definition
Ein Reim entsteht, wenn zwei Wörter oder Versenden ab dem letzten betonten Vokal gleich oder sehr ähnlich klingen. Alles davor – der sogenannte Anlaut – darf verschieden sein.
Die Wörter „Stein" [ʃtaɪ̯n] und „Wein" [vaɪ̯n] reimen sich, weil beide ab dem Vokal aɪ̯ identisch klingen. Der Anlaut (ʃt- vs. v-) ist verschieden – genau das macht es zum Reim und nicht zur Wiederholung.
Reimwelt arbeitet auf dieser Lautebene: Nicht die Buchstaben, sondern die IPA-Zeichen entscheiden darüber, ob zwei Wörter reimen.
Reimarten
Reiner Reim
Die Laute ab dem betonten Vokal sind identisch. Der klassische, saubere Gleichklang.
Unreiner Reim
Die Laute sind ähnlich, aber nicht vollständig identisch. Solche Reime sind in Lyrik sehr gebräuchlich und klingen natürlicher als erzwungene reine Reime.
Reicher Reim
Der Gleichklang beginnt bereits bei der vorletzten betonten Silbe – der Reim umfasst also mindestens zwei betonte Silben. Reiche Reime klingen besonders eindringlich, können aber leicht gekünstelt wirken.
Rührender Reim
Der Gleichklang beginnt vor der letzten betonten Silbe – der Anlaut der Reimsilbe ist in beiden Wörtern gleich. Das schafft einen besonders engen Gleichklang, der oft wie ein Echo klingt.
Die genaue Abgrenzung zum Reichen Reim ist in der Forschung nicht einheitlich; manche Quellen setzen die Begriffe gleich, andere unterscheiden.
Augenreim
Wörter, die sich im Schriftbild reimen, aber phonetisch nicht übereinstimmen. Im Deutschen relativ selten; im Englischen häufiger (z. B. „love / move" [lʌv] / [muːv] – Englisch).
Da Reimwelt auf Lautebene arbeitet, werden Augenreime nicht als Reime gewertet. Das ist ein Feature, kein Bug: Ein Gleichklang, der sich nur liest, aber nicht hört, ist kein Reim.
Reimschemata
Reimschemata beschreiben, wie die Reime in einer Strophe angeordnet sind. Jeder Buchstabe steht für einen eigenen Klang – und damit du dir nichts merken musst, kommen die Beispiele hier von Leuten, die das Reimen erwiesenermaßen beherrschten.
Paarreim (AABB)
Je zwei aufeinanderfolgende Zeilen reimen sich.
Kreuzreim (ABAB)
Gerade und ungerade Zeilen reimen sich abwechselnd.
Umarmender Reim (ABBA)
Erste und vierte Zeile reimen sich, ebenso die zweite und dritte – ein „eingerahmter" Reim, der die B-Zeilen regelrecht umarmt.
Und das war erst der Anfang
Was hier steht, kratzt lediglich an der Oberfläche. Die Reimlehre hat noch dutzende Spielarten parat: den Schlagreim, den Inreim, den Kehrreim, den leoninischen Reim, Reime über Strophengrenzen hinweg – und das ist nur das Deutsche. Wer tiefer graben will, findet in der Metrik und Stilistik ein riesiges Loch, das sehr lange nach unten führt.
Für den Einstieg – und für das Finden von Reimpartnern – reicht das Gesagte aber vollkommen aus. Dichten ist schließlich Handwerk, kein Examen.
Siehe auch